Vom richtigen Zeitpunkt

Mit sechs Monaten Beikost, mit einem Jahr abstillen, mit spätestens 14 Monaten Laufen lernen, mit zwei sprechen, mit sechs lesen... Der Fahrplan der kindlichen Entwicklung ist in den meisten Köpfen vorgegeben. Nur dass es so nicht immer funktioniert.

Den richtigen Zeitpunkt zu finden, das war von Anfang an eines unserer wichtigsten Prinzipien beim Umgang mit dem Töchterchen. Meistens gelang es ganz wunderbar. Ich stillte mit zehn Monaten ab, als ich das Gefühl hatte, jetzt ist es für uns beide genug, und alles ging völlig problemlos. Laufen lernen, sprechen lernen, den Geschmack an verschiedenem Essen finden, bei Freundinnen bleiben, malen (das machte sie lange Zeit nicht besonders gerne) und viele anderen Dinge entwickelten sich einfach von selbst, als der richtige Zeitpunkt da war. Förderungsversuche vorher hatten wenig Effekt.

Aktuell sehe ich wieder, was der richtige Zeitpunkt ausmacht: Das Töchterchen lernte in der ersten Klasse zwar schnell und gut lesen, hatte aber einfach kein Interesse daran, selbst zu lesen. Vorgelesen bekommen, klar. Aber selbst? Wozu? Egal was ich ihr vorschlug und vorsetzte, sie hatte keine Lust zu lesen. Ich begann, mich zu fragen, ob wir irgendetwas „falsch“ gemacht hätten. Das Töchterchen sieht mich häufig lesen, wir lesen seit ihrer Babyzeit täglich vor und gehen seit einem Jahr einmal pro Woche in die Bücherei. Woran konnte das also liegen? Keine Ahnung. Jetzt, ein Jahr später, hat es sich jedenfalls komplett umgedreht. Mit einem Mal fing sie an, das Lesen im Bett für sich zu entdecken. Eine Woche später hatte sie ihre ersten drei Bücher verschlungen. Inzwischen komme ich kaum noch nach, neue Bücher zu beschaffen, trotz wöchentlichen Büchereibesuchs. Plötzlich war der richtige Zeitpunkt da. Einfach so. Ganz einfach.

Einmal sind wir mit dieser Philosophie allerdings kläglich gescheitert: Bis das Töchterchen viereinhalb war, machte sie keinerlei Anstalten, auf die Windel verzichten zu wollen. Ins Klo zu machen war für sie vollkommen undenkbar, sie schaffte es nicht, konnte nicht loslassen. Alle pädagogisch wertvollen oder auch zweifelhaften Versuche, ihr zu helfen, sie zu motivieren, zu bestechen oder zu belohnen, führten nur zu mehr Druck und Stress für uns alle. Schließlich mussten wir ihr in einem für alle Seiten tränenreichen und verzeifelten Akt die Windeln komplett entziehen. (Auch nachts, sonst schaffte sie es nämlich tatsächlich, den ganzen Tag einzuhalten, bis sie abends wieder eine Windel hatte!) Es dauerte keine Woche, bis das Theme Trockenwerden erledigt war. Hatten wir den richtigen Zeitpunkt verpasst? Oder wäre er später noch gekommen? Oder war das bei ihr einfach ein Thema, bei dem es keinen unkomplizierten Weg gab?

Vielleicht zeigt es nur die Grenzen eines Erziehungsprinzips auf. Denn eins ist sicher: Im Umgang mit großen und kleinen Menschen gibt es keine Verhaltensregeln, die immer gelten. Manchmal muss man von den Regeln abweichen, um das Dahinterstehende zu tun, das noch wichtiger ist. Manchmal klappen Dinge einfach nicht, weil wir Menschen sind. Und das ist in Ordnung.

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